Der Spruch
„Der Vorteil liegt klar beim ersten Schützen, der baut sofort Druck auf.“ Sowas hört man von TV-Experten fast routinemäßig, sobald ein Spiel ins Elfmeterschießen geht und der Schiedsrichter zur Münze greift. Wer zuerst trifft, zwingt den Gegner in die Rolle des ewigen Nachziehenden, der jeden eigenen Elfmeter verwandeln muss, um nicht sofort ins Hintertreffen zu geraten.
Anders als bei manchem Stammtischspruch steckt hier echte Wissenschaft dahinter. Die Ökonomen Jose Apesteguia und Ignacio Palacios-Huerta werteten 2010 Elfmeterschießen aus großen internationalen Wettbewerben bis 2008 aus und fanden einen handfesten Vorteil fürs zuerst schießende Team: rund 60 % Siegquote statt der 50 %, die bei einem reinen Münzwurf zu erwarten wären. Es gab danach sogar Testläufe mit dem ABBA-Format, bei dem die Schützen nach dem Muster A-B-B-A statt A-B-A-B antreten und das diesen Vorteil ausgleichen sollte.
Die Bundesliga-Geschichte liefert beides, Beispiele für den Spruch und dagegen. Am 3. März 2020 stand es im DFB-Pokal-Viertelfinale zwischen Saarbrücken und Düsseldorf nach Verlängerung 1:1. Der damalige Viertligist 1. FC Saarbrücken gewann das längste Elfmeterschießen unserer Stichprobe, 20 Schüsse, 7:6. Torwart Daniel Batz hielt darin allein vier Elfmeter. Saarbrücken schoss zuerst und zog als erstes Team der vierten Liga überhaupt ins DFB-Pokal-Halbfinale ein. Für den Mythos ein Paradebeispiel.
Gut zwei Jahre später, am 18. Mai 2022 in Sevilla, lief es andersherum. Eintracht Frankfurt und die Glasgow Rangers trennten sich im Europa-League-Finale nach Verlängerung 1:1. Die Rangers schossen zuerst, ihr Trainer Giovanni van Bronckhorst hatte mit Aaron Ramsey gezielt einen frischen Schützen fürs Elfmeterschießen eingewechselt. Kevin Trapp parierte Ramseys Schuss, Rafael Borré verwandelte den entscheidenden Elfmeter, Frankfurt gewann 5:4 und holte seinen ersten europäischen Titel seit 42 Jahren. Wer zuerst schoss, verlor.
Zwei Geschichten, zwei gegensätzliche Ausgänge. Anekdoten beweisen bekanntlich nichts, deshalb haben wir nachgezählt: 104 Elfmeterschießen, 48 von Bundesliga-Vereinen und 56 von Weltmeisterschaften und Europameisterschaften, wo der Druck am höchsten ist.
Datenbasis
Reine Bundesliga-Ligaspiele enden praktisch nie im Elfmeterschießen, für diesen einen Mythos machen wir deshalb eine Ausnahme. Topf eins sind 48 Elfmeterschießen von Bundesliga-Vereinen aus zehn Spielzeiten (2015/16 bis 2024/25): 41 im DFB-Pokal, drei in der Europa League, drei im DFL-Supercup und ein Relegations-Play-off. Topf zwei sind 56 Elfmeterschießen bei Weltmeisterschaften (ab 1982, 39 Fälle) und Europameisterschaften (ab 2000, 17 Fälle), allesamt K.-o.-Spiele, die nach der Verlängerung nicht entschieden waren.
Die Daten stammen von FBref, das jeden Schuss mit einer fortlaufenden Schussnummer festhält. Daraus lässt sich rekonstruieren, wer zuerst antrat, und genau diese Angabe ist für den Mythos alles. Deshalb haben wir sie gegen Wikipedia geprüft: alle 56 Turnierfälle und bei den Vereinen neun Stichproben, davon vier mit Schussreihenfolge. Das Ergebnis, darunter ein von uns korrigierter Fehler in FBref, steht im Anhang.
Wer zuerst schießt, entscheidet weder ein Trainer noch die Teamstärke, sondern eine Münze. Deshalb reicht ein einfacher Vergleich der Siegquote.
Kurz erklärt — natürliches Experiment
Kurz erklärt — natürliches Experiment: Wird eine Zuordnung durch reinen Zufall entschieden, hier durch eine Münze, spricht man von einem natürlichen Experiment. Starke und schwache Teams haben dann dieselbe 50:50-Chance, zuerst zu schießen, Teamstärke muss man nicht separat herausrechnen. Dass die Münze wirklich fair ist, bleibt allerdings eine begründete Annahme, denn wer sie gewonnen hat, steht nicht in unseren Daten.
Erster Blick: 50 von 104
Wilson-95%-Konfidenzintervall, Binomialtest gegen 50 %: p = 0,77.
50 Mal gewann das Team, das zuerst schoss, 54 Mal das Team, das als Zweites antrat. „Meistens“ hieße, dass der Erstschütze klar öfter als jedes zweite Mal gewinnt. Mit 48,1 % liegen wir leicht darunter. Einen Vorteil für den zweiten Schützen kann man daraus trotzdem nicht ablesen, dafür ist der Abstand zur Hälfte viel zu klein. Erst ab 63 Siegen des Erstschützen (60,6 %) wäre das Ergebnis statistisch auffällig gewesen, wir liegen 13 Fälle darunter.
Kurz erklärt — p-Wert
Kurz erklärt — p-Wert: Er gibt an, wie oft ein reiner Münzwurf allein durch Zufall eine mindestens so große Abweichung von 50:50 produzieren würde wie in unseren Daten. Unter 5 % gilt ein Ergebnis als statistisch signifikant. Hier liegt er bei p = 0,77, also bei gut drei von vier Münzen. Kein Hinweis auf einen echten Effekt.
Dazu kommt, dass eine einzelne Prozentzahl bei 104 Fällen eine Genauigkeit vortäuscht, die es gar nicht gibt.
Kurz erklärt — Konfidenzintervall (im Text auch „Unsicherheitsbereich“)
Kurz erklärt — Konfidenzintervall (im Text auch „Unsicherheitsbereich“): Ein Wertebereich, der den wahren Wert mit einer festgelegten Sicherheit einschließt, hier 95 %. Die tatsächliche Siegquote des Erstschützen liegt also mit hoher Sicherheit zwischen 38,7 und 57,6 %, nicht exakt bei 48,1 %. Je weniger Fälle, desto breiter der Bereich.
Die 50-%-Marke liegt mitten in diesem Bereich, die rund 60 % der Studie liegen außerhalb. Das wird gleich noch wichtig.
Die Gegenprobe: Was bei WM und EM passiert
Als wir nur die 48 Vereinsfälle hatten, sah es pikanter aus: 22 Siege für den Erstschützen, das sind 45,8 %. „Wer anfängt, verliert öfter“ wäre eine schöne Überschrift gewesen. Nur sind 48 Fälle wenig, und ein Wert knapp unter 50 % ist schnell ein Zufallsprodukt. Also die Gegenprobe dort, wo der Druck am größten ist, bei WM und EM. Das Ergebnis: 28 Siege des Erstschützen bei 56 Elfmeterschießen. Exakt 50,0 %.
Fehlerbalken: 95-%-Wilson-Konfidenzintervall je Gruppe. Binomialtest gegen 50 % (Münzwurf): Vereine p = 0,67, Nationalmannschaften p = 1, Gesamt p = 0,77.
Der Vereinswert dürfte also Zufall gewesen sein. Zwischen Vereinen und Turnieren gibt es statistisch keinen erkennbaren Unterschied (p = 0,70), beide Töpfe lassen sich zusammenlegen, und das ist auch nötig: Keiner der beiden reicht für sich, um den großen Vorteil aus der Studie überzeugend auszuschließen. Bei den Vereinen liegt die Obergrenze des Unsicherheitsbereichs bei 59,7 %, gerade so unter der 60 und ohne jeden Puffer, bei den Turnieren bei 62,7 %. Erst die zusammengelegten 104 Fälle drücken sie auf 57,6 %.
Ganz blind war die Gegenprobe allerdings nicht. Das Vereinsergebnis kannten wir vorher, und die Turnierfälle bis 2008 stecken vermutlich zum Teil schon in der Stichprobe der Studie. Wirklich neu sind nur die 31 Fälle ab 2010 (15 Siege des Erstschützen, 48,4 %), für sich zu wenig, um daraus etwas zu lesen. Weitere Kontrollen auf den Vereinsdaten, frühere gegen spätere Saisons und die Frage, ob eher Heim- oder Auswärtsteams zuerst schießen, zeigen nichts, das das Bild ändert (Details im Anhang).
Und dann ist da die Versuchung. Bei der WM gewinnt der Erstschütze 17 von 39 Mal (43,6 %), bei der EM 11 von 17 Mal (64,7 %). Wer mag, kann daraus einen EM-Effekt basteln. Man sollte es nicht: Bei 17 Fällen ist selbst 64,7 % nicht von einem Münzwurf zu unterscheiden (p = 0,33), und wer genug Teilgruppen vergleicht, findet immer eine, die heraussticht.
Deutschland: Anekdoten ohne Muster
Richtig anschaulich wird es bei Deutschland. Sechs Elfmeterschießen bei WM und EM stehen im Datensatz (die WM seit 1982, die EM erst ab 2000), fünf davon gewann die deutsche Mannschaft, nur im Sechzehntelfinale der WM 2026 gegen Paraguay nicht. Wer meint, der zweite Schuss sei der bessere, findet hier Futter: In den drei Fällen, in denen Deutschland als zweites Team antrat, gewann es alle drei. Als Erstschütze waren es zwei von drei.
| Datum | Wettbewerb | Duell | Elfmeterschießen | Zuerst geschossen | Ergebnis |
|---|---|---|---|---|---|
| 08.07.1982 | WM-Halbfinale | Deutschland – Frankreich | 5:4 | Frankreich | gewonnen |
| 21.06.1986 | WM-Viertelfinale | Deutschland – Mexiko | 4:1 | Deutschland | gewonnen |
| 04.07.1990 | WM-Halbfinale | Deutschland – England | 4:3 | England | gewonnen |
| 30.06.2006 | WM-Viertelfinale | Deutschland – Argentinien | 4:2 | Deutschland | gewonnen |
| 02.07.2016 | EM-Viertelfinale | Deutschland – Italien | 6:5 | Italien | gewonnen |
| 29.06.2026 | WM-Sechzehntelfinale | Deutschland – Paraguay | 3:4 | Deutschland | verloren |
Elfmeterschießen-Ergebnis aus deutscher Sicht. 1982, 1986 und 1990 trat die Mannschaft als Westdeutschland an.
Sechs Spiele sind kein Beleg für irgendetwas, und schon gar nicht für einen Vorteil des zweiten Schützen. Das Viertelfinale der EM 2016 gegen Italien war mit 18 Schüssen das längste Elfmeterschießen der Turnier-Stichprobe. Und in den sieben Finals der Stichprobe, vier bei WM und EM, drei bei den Vereinen, gewann der Erstschütze dreimal und verlor viermal: Italien schoss in seinen drei Finals (1994, 2006, 2021) jedes Mal zuerst und gewann zwei davon.
Was 104 Fälle können und was nicht
104 Fälle klingen nach viel, sind für diese Frage aber wenig. Ein Elfmeterschießen kennt nur Sieg oder Niederlage, und wenn der Unterschied zwischen beiden Wahrscheinlichkeiten klein ist, braucht man sehr viele Fälle, um ihn vom Zufall zu trennen.
Kurz erklärt — Power (Teststärke)
Kurz erklärt — Power (Teststärke): Zeigt, wie groß ein Effekt mindestens sein müsste, damit ein Test ihn zuverlässig entdeckt (üblicher Zielwert: in 80 % der Fälle). Bei niedriger Power heißt „nicht signifikant“ nicht „kein Effekt“, sondern kann auch schlicht heißen: zu wenig Daten, um sicher zu sein.
Power-Analyse für α = 0.05, Ziel-Power 80 %, n = 104. Erreichte Power beim tatsächlich gemessenen Effekt: 6,8 %.
Hätte der Effekt aus der Studie wirklich existiert, rund 60 %, hätte unser Test ihn nur mit etwa 54 bis 58 % Wahrscheinlichkeit gefunden. Wie kann man dann trotzdem von „widerlegt“ sprechen? Weil man die Frage auch andersherum stellen kann: Welche Siegquoten sind mit dem, was wir gezählt haben, noch verträglich? Alles zwischen 38,7 und 57,6 %. Die 60 % der Studie gehören nicht mehr dazu, darauf stützt sich das Verdikt.
Ausgeschlossen ist damit ein Vorteil in der Größe der Studie und die Lesart „meistens“. Nicht ausgeschlossen ist ein kleiner Vorteil von einigen Prozentpunkten, nach oben bis zu 7,6 Punkte über der 50-%-Marke. Für einen echten Vorteil von 55 % bräuchte man rund 780 Elfmeterschießen, und so viele zusammenzubekommen, dauert. Einen Vorteil für den zweiten Schützen behaupten wir ebenso wenig wie den Beweis, dass die Reihenfolge nichts ausmacht. Wer beim Münzwurf „zuerst“ wählt, folgt aber einem Gefühl und keinem belegten Vorteil.
Verdikt
Widerlegt. Das zuerst schießende Team gewinnt in 104 Elfmeterschießen nur 50 Mal (48,1 %), bei den 56 Turnierfällen von WM und EM genau die Hälfte. „Meistens“ und ein Vorteil in der Größe der Studie von 2010 (rund 60 %) passen nicht zu diesen Daten. Damit ist aber nicht bewiesen, dass die Reihenfolge völlig egal ist: Ein kleiner Vorteil von wenigen Prozentpunkten lässt sich mit 104 Fällen weder belegen noch ausschließen, und selbst der Ausschluss der 60 % gilt nur knapp: Schon drei Siege des Erstschützen mehr, und der Unsicherheitsbereich würde sie wieder einschließen.
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