Der Spruch
„Die Anzahl an Standardtoren ist ja eh schon extrem, und ich befürchte, dass sie auch noch höher wird." Der Satz stammt vom damaligen Bundestrainer Julian Nagelsmann, zitiert in einem Sportschau-Artikel vom 3. April 2026 (das Amt hat inzwischen bekanntlich Jürgen Klopp übernommen). Nagelsmann legte noch eine Zahl nach, die hängen blieb: „Es gibt Teams, die schießen 50 Prozent der Tore aus Standards." Kurz danach war die Aussage überall, vom Expertenstudio bis zum Stammtisch: Standardsituationen entscheiden immer mehr Spiele, manche sagen sogar, sie entscheiden ganze Meisterschaften. Ecken und Freistöße als heimliche Trumpfkarte des modernen Fußballs, während sich das Kombinationsspiel angeblich immer weniger auszahlt.
Genau solche Bilder haben sich ins kollektive Fußballgedächtnis eingebrannt: 1999 dreht Manchester United das Champions-League-Finale gegen den FC Bayern in der Nachspielzeit, beide Tore gehen auf Ecken von David Beckham zurück, Sheringham (90.+1) und Solskjær (90.+3) im Abstand von nur 102 Sekunden. Oder Trent Alexander-Arnolds blitzschnell ausgeführte Ecke 2019 gegen Barcelona, mit der Divock Origi zum 4:0 einschiebt, während die Barça-Abwehr noch mit sich selbst beschäftigt ist. Zwei der bekanntesten Champions-League-Momente überhaupt, beide aus dem Nichts entschieden per Standardsituation – genau die Art Erinnerung, die eine Warnung wie Nagelsmanns plausibel wirken lässt.
Klingt beunruhigend, wenn ausgerechnet solche Bilder hängen bleiben. Klingt auch plausibel, immerhin kommt der Satz von jemandem, der jahrelang als Bundesligatrainer selbst Standardsituationen einstudiert hat. Wir haben trotzdem nachgerechnet, statt es einfach zu glauben.
Die Datenbasis
Wir haben uns zwölf komplette Bundesliga-Saisons vorgenommen, 2014/15 bis 2025/26, 3.672 Spiele mit 11.178 erzielten Toren. Grundlage ist Understat, das zu jedem einzelnen Tor auch die Entstehungsart mitliefert. Zur Kontrolle von Endergebnissen und Tabellenplätzen diente zusätzlich OpenLigaDB.
Als „Standardsituation" zählt in der Hauptdefinition dieses Artikels alles, was ruhend ausgeführt wird, außer dem Elfmeter: Ecken (11,8 % aller Tore in diesem Zeitraum), direkte Freistöße (2,1 %) und die Understat-Sammelkategorie „Set Piece" für sonstige ruhende Bälle wie kurz ausgeführte, dann abgeschlossene Freistöße (6,2 %). Elfmeter selbst (7,7 % aller Tore) werden separat behandelt und tauchen weiter unten noch als eigener Robustheitscheck auf. Offenes Spiel macht mit 72,2 % den mit Abstand größten Teil aller Tore aus.
Erster Blick: Stimmen Nagelsmanns Zahlen überhaupt?
Fangen wir mit dem Einfachsten an: dem Faktencheck der beiden konkreten Zahlen aus dem Zitat.
Ø Standardtore-Anteil, gesamte Liga
Team-Saisons über Schwellenwert (von 216)
Höchster je gemessener Anteil: 42,0 % (Werder Bremen, 2014/15, Endplatz 10). Selbst die "ein Drittel"-Schwelle (≥ 33 %) knackten nur 10 von 216 Team-Saisons.
Der implizite Liga-Schnitt aus dem Zitat, „ein Drittel", also rund 33 Prozent, liegt weit über dem, was die Daten hergeben: Über alle zwölf Saisons hinweg liegt der tatsächliche Wert bei 20,1 Prozent. Und die „Teams, die 50 Prozent ihrer Tore aus Standards schießen"? Die gab es unter allen 216 Team-Saisons (18 Teams mal 12 Jahre) exakt null Mal. Der höchste je gemessene Wert liegt bei 42 Prozent, aufgestellt von Werder Bremen 2014/15, einem Team, das damit trotzdem nur auf Tabellenplatz 10 landete. Selbst die „ein Drittel"-Schwelle knackten in zwölf Jahren nur 10 von 216 Team-Saisons, gerade mal 4,6 Prozent.
Kein guter Start für den Mythos. Aber vielleicht war die eigentliche Sorge ja weniger eine über den aktuellen Stand, sondern über die Entwicklung: Wird es Jahr für Jahr mehr?
12 Bundesliga-Saisons 2014/15–2025/26, gestrichelte Linie = Zwölf-Jahres-Mittelwert.
Auch hier: nichts. Der Anteil bewegt sich zwischen 17,9 Prozent (2018/19 und 2020/21) und 23,9 Prozent (2017/18), ohne eine klare Richtung. Eine lineare Regression über die zwölf Saisonwerte ergibt eine Steigung von −0,24 Prozentpunkten pro Saison, die Tendenz zeigt also, wenn überhaupt, leicht nach unten statt nach oben, genau umgekehrt zu Nagelsmanns Befürchtung. Statistisch belastbar ist das allerdings nicht (p = 0,131).
Kurz erklärt — p-Wert / statistische Signifikanz
Kurz erklärt — p-Wert / statistische Signifikanz: Der p-Wert sagt, wie wahrscheinlich ein beobachtetes Muster allein durch Zufall entstanden wäre, wenn es in Wirklichkeit gar keinen Effekt gibt. Je kleiner, desto überzeugter kann man sein, dass wirklich etwas dahintersteckt. Als grobe Faustregel gilt ein Wert unter 0,05 als „statistisch signifikant". 0,131 liegt klar darüber, der schwankende Standardtore-Anteil lässt sich also nicht sauber von reinem Zufallsrauschen unterscheiden. Bei nur zwölf Saisonwerten braucht man dafür ohnehin Vorsicht.
Kein steigender Trend, im Gegenteil. Bleibt die zweite, eigentlich interessantere Frage: Auch wenn es nicht mehr wird, bringen Standardtore wenigstens den Erfolg, den man ihnen nachsagt?
Aber wenigstens: Bringen Standards den Erfolg?
Das ist ja der eigentliche Kern hinter „Standardsituationen entscheiden Spiele und Meisterschaften": nicht nur wie viele es gibt, sondern ob Teams, die viel aus Standards holen, dafür belohnt werden.
216 Team-Saisons, je ein Punkt.
Die Korrelation zwischen Standardtore-Anteil und Punktausbeute über alle 216 Team-Saisons ergibt ein Spearman-ρ von −0,30 (Pearson r = −0,31), beides hochsignifikant (p < 0,0001).
Kurz erklärt — Spearman-Korrelation (ρ)
Kurz erklärt — Spearman-Korrelation (ρ): Ein Maß dafür, wie stark zwei Größen zusammenhängen, auf einer Skala von −1 (perfekte Gegenläufigkeit) über 0 (kein Zusammenhang) bis +1 (perfekter Gleichlauf). Anders als die verwandte Pearson-Korrelation schaut Spearman nur auf die Rangfolge der Werte, nicht auf ihre genauen Abstände, das macht sie robuster gegen einzelne Ausreißer. −0,30 ist ein schwacher bis mittlerer, aber klar erkennbarer Zusammenhang.
Teams mit einem hohen Standardtore-Anteil holen im Schnitt also weniger Punkte, nicht mehr. Das exakte Gegenteil dessen, was der Mythos behauptet.
Der Twist: ein Rechenartefakt
Bevor daraus jetzt der umgekehrte Mythos wird, „Standards schaden", lohnt ein zweiter Blick. Denn hier steckt ein klassischer Fall von Konfundierung drin.
Kurz erklärt — Konfundierung
Kurz erklärt — Konfundierung: Ein scheinbarer Zusammenhang zwischen zwei Größen, der eigentlich nur daher kommt, dass beide von einer dritten, unberücksichtigten Größe abhängen. Man misst dann eine Korrelation, obwohl die eine Größe die andere gar nicht direkt beeinflusst. Um das aufzudecken, hält man die vermutete dritte Größe rechnerisch in einer Regression konstant und schaut, ob der Zusammenhang bestehen bleibt oder verschwindet.
Der Verdacht: Schwache Teams schießen insgesamt wenige Tore. Von diesen wenigen Toren stammt zwangsläufig ein größerer Anteil aus Standards, einfach weil ihnen die Tore aus dem offenen Spiel fehlen, nicht weil Standards für sie besonders wichtig wären. Die Gesamttoranzahl der Saison wäre damit die eigentlich dahinterliegende Größe, die sowohl den Standardtore-Anteil als auch die Punkte beeinflusst.
Kontrolliert man in einer Regression für genau diese Gesamttoranzahl (mit clusterrobusten Standardfehlern, weil Teams über die Jahre bis zu zwölfmal in den Daten vorkommen und sonst künstlich sicherer wirken, als sie sind), passiert genau das:
Balkenhöhe zeigt die statistische Evidenzstärke (−log10 des p-Werts) statt des Rohkoeffizienten, weil Korrelation (naiv) und Regressionskoeffizient (kontrolliert) nicht auf derselben Skala liegen – Rohwerte stehen im Tooltip. Regression mit clusterrobusten Standardfehlern auf Teamebene, kontrolliert für die Gesamttoranzahl je Team-Saison.
Der Effekt löst sich buchstäblich in Luft auf: als Anteil bleibt ein Koeffizient von 0,49 übrig (p = 0,957), als absolute Anzahl 0,03 (p = 0,867). Beides meilenweit von jeder Signifikanz entfernt. Die Gesamttoranzahl dagegen erklärt Punkte hochsignifikant (p < 0,001), was auch keine große Überraschung ist: Teams, die mehr Tore schießen, gewinnen mehr Spiele. Der gesamte Erklärungsgehalt läuft also über die schiere Tormenge, nicht über Standardtore im Speziellen. Sobald man Teamstärke rausrechnet, bleibt vom Standardsituationen-Effekt nichts übrig, nicht mal ein negativer.
Und was ist mit den Meisterschaften?
Der Mythos zielt ja ausdrücklich auch auf Meisterschaften, nicht nur auf einzelne Spiele. Also: Wie standardlastig sind eigentlich die Teams, die am Ende ganz oben stehen?
Meister: 12 Team-Saisons (davon 11× FC Bayern München), Rest: 204 Team-Saisons. Mann-Whitney-U-Test: p = 0,0011.
Die zwölf Meistersaisons (elfmal Bayern München, einmal Bayer Leverkusen 2023/24) kommen im Schnitt auf einen Standardtore-Anteil von 14,8 Prozent. Die übrigen 204 Team-Saisons liegen bei 21,2 Prozent. Ein Test bestätigt, dass das kein Zufall ist (p = 0,0011).
Meister sind also relativ weniger, nicht mehr standardabhängig als der Rest der Liga, exakt das Gegenteil der Mythos-Richtung. Bei den absoluten Standardtoren liegen Meister zwar leicht vorn (14,0 gegenüber 10,2 im Schnitt), aber auch das ist vor allem ein Nebeneffekt ihrer insgesamt höheren Torausbeute, kein Zeichen besonderer Standard-Stärke. Ein Wermutstropfen bei dieser Zahl: Zwölf Meistersaisons, elf davon von einem einzigen Verein, sind eine kleine und wenig vielfältige Stichprobe. Der Befund steht und fällt stark mit dem Muster des FC Bayern.
Fallstudie: Leverkusens ungeschlagene Meistersaison
Ein konkretes Beispiel macht das greifbarer: Bayer Leverkusens historische Meisterschaft 2023/24, die gesamte Saison ungeschlagen. Ein kicker.de-Artikel nannte Leverkusen als das Team mit „ligaweit den meisten Eckball-Toren" dieser Saison, ein naheliegendes Narrativ für eine standardgetriebene Meisterschaft.
Bayer Leverkusen (Meister 2023/24)
Bayer Leverkusen: Rang 10 von 18 beim Standardtore-Anteil, Liga-Schnitt dieser Saison 21,5 %.
Stimmt in den Daten so nicht exakt: Borussia Mönchengladbach führte diese Saison mit 14 Eckball-Toren, Leverkusen kommt mit 13 auf Rang 2. Beim Standardtore-Anteil insgesamt liegt Leverkusen bei 20,2 Prozent, nahe am Liga-Schnitt dieser Saison von 21,5 Prozent, und damit auf Rang 10 von 18 Teams, fast schon unauffällig im Mittelfeld. Die Meisterschaft erklärt sich vor allem über die schiere Gesamttormenge (89 Tore, die zweitmeisten der Liga), nicht über eine besondere Standardstärke.
Wer wirklich oben in dieser Tabelle steht, macht die Pointe komplett: Mainz 05 und der 1. FC Köln, beide 2023/24 im Abstiegskampf, haben mit 35,9 beziehungsweise 35,7 Prozent die höchsten Standardtore-Anteile der gesamten Liga. Genau die Teams, die laut Mythos „durch Standards gewinnen sollten", kämpften stattdessen ums nackte Überleben. Am anderen Ende: Vizemeister VfB Stuttgart hatte mit 7,7 Prozent den mit Abstand niedrigsten Anteil der gesamten Saison.
| Team | Saison | Standardtore-Anteil | Tabellenplatz |
|---|---|---|---|
| Mainz 05 | 2023/24 | 35,9 % | 13. |
| 1. FC Köln | 2023/24 | 35,7 % | 17. (Abstieg) |
| Werder Bremen | 2014/15 | 42,0 % (höchster je gemessener Wert) | 10. |
| Bayer Leverkusen | 2023/24 (Meister) | 20,2 % | 1. |
| VfB Stuttgart | 2023/24 (Vizemeister) | 7,7 % (niedrigster Wert der Saison) | 2. |
Werder Bremen 2014/15 verdient dabei eine eigene Erwähnung: 21 der 50 Saisontore kamen aus Standards, 42 Prozent, der höchste je in dieser Analyse gemessene Wert überhaupt. Am Ende reichte es trotzdem nur zu Tabellenplatz 10.
Ist ein Standardtor wenigstens öfter das entscheidende Tor?
Eine letzte, nicht ganz unplausible Verteidigungslinie des Mythos bleibt: Vielleicht kommt es gar nicht so sehr auf die Häufigkeit an, sondern darauf, wann Standardtore fallen. Ein frühes 1:0 aus einer Ecke oder ein spätes, spielentscheidendes Freistoßtor fühlt sich bedeutsamer an als eines mitten in einem längst klaren Spielverlauf – genau wie bei den beiden Champions-League- Beispielen aus der Einleitung. Solche Erinnerungen dürften einen guten Teil davon erklären, warum sich der Mythos so hartnäckig hält.
Von 3.452 Eröffnungstoren, also dem jeweils ersten Tor eines Spiels, waren 20,9 Prozent Standardtore, kaum abweichend vom allgemeinen Schnitt von 20,1 Prozent (Konfidenzintervall 19,5 bis 22,3 Prozent, schließt den Referenzwert also mit ein). Bei den „spielentscheidenden" Toren, definiert als das früheste Tor, ab dem der Sieger feststeht und sich nicht mehr ändert, sieht es ähnlich aus: 21,2 Prozent Standardtore unter 2.757 solchen Toren, ebenfalls statistisch nicht vom Ligaschnitt zu unterscheiden.
Kurz erklärt — Binomialtest & Konfidenzintervall
Kurz erklärt — Binomialtest & Konfidenzintervall: Ein Binomialtest prüft, ob ein beobachteter Anteil (hier: 20,9 % Standardtore unter Eröffnungstoren) statistisch von einem erwarteten Referenzwert (20,1 % ligaweit) abweicht. Das Konfidenzintervall zeigt dazu den Wertebereich, in dem der wahre Anteil mit 95-prozentiger Sicherheit liegt – schließt es wie hier den Referenzwert ein, gilt der Unterschied als nicht von Zufall unterscheidbar.
Ein Detail am Rand: Nur gegen die übrigen Tore innerhalb bereits entschiedener Spiele verglichen, taucht zwar ein kleiner Unterschied auf (18,6 statt 21,2 Prozent), der erklärt sich aber dadurch, dass bei komfortablen Führungen mehr Tore aus Kontern als aus Ecken fallen, nicht durch eine besondere Bedeutung von Standardtoren. Am Ergebnis ändert das nichts, ein Standardtor bleibt statistisch ein zufällig aus allen Toren gezogenes Tor.
Robustheitscheck: Was, wenn Elfmeter mitzählen?
Ein Einwand liegt nahe: Die Hauptdefinition zählt Elfmeter bewusst nicht als Standardsituation. Zählt man sie dazu, immerhin auch ruhende Bälle, steigt der ligaweite Anteil von 20,1 auf 27,8 Prozent, näher an Nagelsmanns „ein Drittel", aber immer noch spürbar darunter.
ohne Elfmeter (Hauptdefinition) mit Elfmeter (Robustheitscheck)
Ohne Elfmeter: 20,1 % · mit Elfmeter: 27,8 % (860 Elfmetertore über 12 Saisons). Alle drei Kernbefunde bleiben unter beiden Definitionen bestehen.
Wichtiger als die reine Prozentzahl: Alle drei Kernergebnisse bleiben unter dieser alternativen Definition bestehen. Der Zeittrend bleibt insignifikant (p = 0,207), die kontrollierte Regression bleibt weit von jeder Signifikanz entfernt (Anteil p = 0,727, absolute Anzahl p = 0,830), und Meister liegen weiterhin niedriger als der Rest, nicht höher (21,8 gegenüber 29,3 Prozent, p = 0,0013). Die Kernaussagen dieser Analyse sind also kein Artefakt der Elfmeter-Abgrenzung.
Verdikt
Widerlegt. Weder steigt der Standardtore-Anteil in der Bundesliga über die Zeit (kein signifikanter Trend über zwölf Saisons), noch schneiden standardlastige Teams besser ab. Die rohe Korrelation zwischen Standardtore-Anteil und Punkten ist sogar negativ und verschwindet unter Kontrolle für die Gesamttoranzahl komplett. Bundesliga-Meister haben einen deutlich niedrigeren Standardtore-Anteil als der Rest der Liga (14,8 % gegenüber 21,2 %), nicht einen höheren. Nagelsmanns konkrete Zahlen, „ein Drittel" Liga-Schnitt und „50-Prozent-Teams", finden in den Daten keine Deckung.
Diskussion
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